Weiterbildung

Bloggertag drei - Nachbericht vom Samstag, 05.09.2015

NRW-Netzwerk für Lokalblogger

Dritter Bloggertag im Haus Busch endet mit konkreter Idee

Es ist eine konkrete Idee, die nach dem dritten Bloggertag im Journalistenzentrum Haus Busch im Raum steht: Ein Netzwerk von und für Lokalblogger in Nordrhein-Westfalen. Ein Zusammenschluss, der die journalistische Arbeit unterstützt und vielleicht erst möglich macht: Mit Technik, mit Geld, mit Werbung. Vielleicht als GmbH, als Verein oder als eine basisdemokratisch organisierte Genossenschaft.

Denn auch beim dritten Bloggertag ging es ums Geld. Die Suche nach funktionierenden Geschäfts- und Organisationsmodelle stand von vornherein ganz oben auf der Themen-Wunschliste von journalistisch orientierten Lokalbloggern aus Nordrhein-Westfalen und dem angrenzenden Hessen. Im Dezember vorigen Jahres hatte das erste Treffen in Haus Busch stattgefunden. Im März setzte sich die Suche fort mit der Vorstellung der Projekte von Hallo Herne und der Berliner taz-Genossenschaft.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Mit den Bloggertagen macht das Journalisten-Zentrum Haus Busch - unterstützt vom DJV-Landesverband NRW - den journalistisch orientierten Bloggern in NRW ein offenes Angebot zu Information und Meinungsaustausch untereinander. Dies ist auch eine Reaktion auf die zusehends wachsende Zahl der Ein-Zeitungs-Kreise im Lande. Denn oft sichern schon heute Lokalblogger in einzelnen Landkreisen die Meinungsvielfalt. Das Journalistenzentrum mit seinen historischen Verbindungen zu den Journalistengewerkschaften bietet auch sein Netzwerk und das Umfeld für die Weiterbildung von bloggenden Journalisten.

Das Suchen nach Hilfe und Unterstützung beim Lokalbloggen setzte sich beim dritten Bloggertag am ersten September-Samstag fort, wieder mit dem münsterschen Socialmedia-Experten Kai Heddergott als Moderator.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Trotz eines gebrochenen Fußes war Dr. Stefan Touchard von Rheinisch-Westfälischen Genossenschaftsverband (RWGV) ins Haus Busch gehumpelt, wo der Leiter des Journalistenzentrums Thomas Müller ihn und die beiden anderen Referenten, den Gummersbacher Sven Oliver Rüsche und Dr. Stefan Brües aus Steinfurt, begrüßte.

Müller unterstrich, dass Haus Busch weiterhin für Blogger mit journalistischem Anspruch und Kompetenz als Ansprechpartner für Weiterbildung bereit stehe. Aber er machte auch deutlich, dass „Haus Busch nicht alles spendieren kann“.

Mit dabei war zum ersten Mal Simone Jost-Westendorf, die Projektleiterin der Stiftung Vielfalt und Partizipation bei der Landesanstalt für Medien (LfM) mit ihrer Kollegin Hanna Jo vom Hofe. Der stellvertretende DJV-Landesvorsitzende Timo Stoppacher unterstrich in einem Grußwort, dass Bloggen und Journalismus für den Landesverband zusammen gehöre. Aber noch lange nicht jeder Blogger sei deswegen auch Journalist. Diese Abgrenzung sei allerdings schwierig und werde vom DJV gerade ausgelotet. Heddergott steuerte noch die Definition bei, dass Blogs „von Autoren geprägte Plattformen“ seien.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Stoppacher begleitete das dritte Treffen erneut zusammen mit Bettina Blaß, der neuen DJV-Bildungsbeauftragten in Nordrhein-Westfalen, in diversen Socialmedia-Kanälen. War es im März noch um Erlöse durch und mit journalistischen Inhalten gegangen, so hob der dritte Bloggertag gezielt auf Geschäftsmodelle und Organisationsformen von Lokalblogs ab.

Die Idee eines regionalen oder landesweiten Zusammenschlusses für Lokalblogger brach sich im Laufe des ersten Vortrags bei Nachfragen aus den Reihen der 30 Teilnehmer Bahn. Touchard erläuterte detailliert, wie Genossenschaften aufgebaut sind und wie sie funktionieren. Bereits beim zweiten Bloggertag hatte Conny Gellenbeck, die Betreuerin der Mitglieder der Berliner taz-Genossenschaft erläutert, wie dieser Unternehmensaufbau die journalistische Unabhängigkeit sichere.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

In sieben Schritten zeigte Touchard den Ablauf einer Genossenschaftsgründung auf. Und am Ende des Prozesses stehe nach gut einem halben Jahr eine solide und sogar steuerlich privilegierte Unternehmensform. Schwimmbäder, Kitas oder Theater werden als „eingetragene Genossenschaft“ betrieben, erzählte Touchard. Sogar Dorfkneipen, Windparks und demnächst Breitbandnetze setzen auf diese seit über 150 Jahren erprobte Rechtsform mit ihrer geringen Insolvenzquote, weil das Unternehmensgebilde aufgrund von Prüfungspflicht transparent und demokratisch strukturiert sei. Ein Konstrukt, das allerdings auch Gründungs- und laufende Kosten für Prüfungen und Verband verursache.

Ob nicht übergeordnet in einer Genossenschaft für Lokalblogs Dienstleistungen gebündelt werden könnten, fragte Friedhelm Holleczek (dormagen-news.de) in die Runde. Da stand die Idee einer Dachmarke für Blogs in NRW oder Regionen des Landes zum ersten Mal konkret im großen Seminarraum von Haus Busch. Dieser Dienstleister könne vielleicht für Blogs gezielt werben oder Werbung für Blogs akquirieren. Uwe Tonscheidt (unserluensche.de, Lüdenscheid) hatte bereits bei den vorgehenden Bloggertagen eine übergreifende Zusammenarbeit in die Diskussion gebracht.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Sven Oliver Rüsche vertiefte als nächster Referent die Idee einer Zusammenarbeit. Der Geschäftsführer der ARKM Online Verlag UG stellte die von ihm aufgebauten Onlineportale mit ihren acht Mitarbeitern vor. Die werbeorientierten Portale wie Mittelstand-Nachrichten, die sich auf die regionale und überregionale Wirtschaft spezialisiert haben, werden mit PR-Texten nach Vorgaben von Google Trends ausgestaltet. Reichweite erzeugen, ist sein Geschäftsprinzip geworden. Die Portale Oberberg-Nachrichten und Südwestfalen-Nachrichten konzentrieren sich auf Nachrichten aus und für die Region.

„Was bringt mir dieser Inhalt?“, ist Rüsches Leitlinie. „Regionalität ist wichtig. Aber Geld verdient man überregional.“ Über die gezielte überregionale Anzeigenvermarktung komme er schnell auf fünfstellige Umsätze pro Monat, erläuterte Rüsche.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Lokale Berichterstattung in seinen Portalen unterliegt nicht unbedingt einem journalistischen Grundsatz: „Wo Geld zu verdienen ist, da schreiben wir.“ Rüsche verdeutliche sein Dilemma zwischen Anspruch und Betriebskosten, das auch vielen Bloggern bekannt ist: „Alle wollten es sehen, aber keiner wollte es bezahlen.“

Ein ernüchterndes Zwischenfazit: Unabhängiger Journalismus in Dörfern und Städten geht wohl nicht, ohne abhängig von Anzeigen, Anzeigen-Kunden oder zahlenden Lesern zu sein. Ein Geschäftsmodell an sich ist ein Lokalblog nicht. Einer muss dafür zahlen. Und sofern es nicht auf Selbstausbeutung der Blogger gründet, muss eine finanzierende Trägerstruktur her. Kai Heddergott konstatierte, dass es für Blogger auch wirtschaftlich notwendig sei, in Sachen Finanzierung umzudenken. „Zwei Welten treffen aufeinander, die sich zurechtschütteln müssen.“

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Rüsche machte sich stark für eine überregionale Anzeigen-Akquise von Lokalblogs in NRW, um über sie eine unabhängige Berichterstattung abzusichern. Eine Genossenschaft mit ihrem demokratischen Ansatz sah er in der lebhaften Diskussion nach seinem Referat als Form, in der sich Lokalblogger zusammenfinden könnten. Darüber ließen sich alle von Bloggern nachgefragten Leistungen ebenso gut anbieten und vermarkten, wie in einem Verein oder einer GmbH.

Dr. Stefan Brües aus Steinfurt machte Lokalbloggern anschließend Mut: „Jede Stadt benötigt eine gutes, lokales Medienprodukt.“ Mindestens eins, fügte er hinzu. Der Professor für digitale Medientechnik an der Bergischen Universität Wuppertal stellte sein Projekt VOIS vor, ein Lokalportal für den Raum Steinfurt. Er berichtete, wie sich sein selbst finanziertes Projekt lokaler Berichterstattung entwickelt. Das Portal erprobt sich als „lokaler Aggregator“. Seiner zweiten These „Die Medien der Zukunft benötigen kein Papier“ widersprach in der Runde niemand.

dritter Bloggertag - Journalisten Zentrum Haus Busch

Moderator Heddergott fasste die Ergebnisse des dritten Bloggertags mit Thesen aus den Impuls-Vorträgen zusammen. Vor allem sei Kompetenz- und Markenausbau für Lokalblogger vonnöten. Und das Modell Genossenschaft könne „ein geeigneter Ansatz sein, um journalistisch-redaktionelle Interessen – auch Einzelner – künftig in eine Wirtschaftlichkeit zu tragen.“

Damit ist der Ball auf dem Feld: Ein überregionaler Dienstleister für unabhängige Blogger in NRW wäre hilfreich als Unterstützung für Lokalblogger. Vielleicht auch ein Ansatzpunkt für die startende Stiftung Vielfalt und Partizipation. „Wir haben hier auf den Bloggertagen in den vergangenen zehn Monaten nach Schnittmengen zwischen Bloggern und Journalisten gesucht. Und wir haben sie gefunden“, betonte Thomas Müller zum Abschluss.

Journalistisch orientierte Lokalblogger haben jedenfalls in Haus Busch ein Zuhause gefunden. Ob es in Jahresfrist einen vierten Bloggertag geben wird und/oder bis dahin ein Weiterbildungsangebot auf der Grundlage der Impulse von drei Bloggertagen im Journalistenzentrum läuft, ist noch offen. Denn das möchte Haus Busch demnächst zusammen mit Lokalbloggern entwerfen und anbieten. Sicher sei jedenfalls, erklärte Thomas Müller: „Es geht weiter.“

Text: Werner Hinse
Fotos: Frank Sonnenberg

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