Weiterbildung

Keine Angst vor den Rechten:

Kritische Berichterstattung trotz Bedrohungen

Ein Nachbericht zum Workshop am 16. Juni 2015

Recherchieren und berichten, obwohl Rechte das nicht wollen? Das geht. Und ist nötig. "Und es erfordert eine Menge Mut", bescheinigte Polizeihauptkommisar Ulrich Biermann aus Hamm den Journalisten, die sich auf dieses schwierige Einsatzgebiet einlassen. Auf einem Praxis-Workshop am 16. Juni im Journalisten-Zentrums Haus Busch in Hagen zum sicheren journalistischen Arbeiten über Extremisten informierte Biermann über die Hilfe, die die Polizei Journalisten bei ihrer Arbeit bieten könne.

Journalisten müssten sich stets bewußt sein, sagte Biermann den frei und angestellt arbeitenden Journalisten auf dem Treffen, "dass sie sich in Gefahr begeben." Aber sie dürften deswegen nicht kapitulieren. Denn aus Angst nicht über die Rechte zu berichten, das käme einem Angriff auf die Pressefreiheit gleich, sagte Biermann, der seit Jahren - auch als Presseprecher der Polizei in Hamm intensiv beobachtet, wie sich die rechte Szene zwischen Hamm und Dortmund entwickelt.

Überall und Biermann - Journalisten Zentrum Haus Busch

Überall und Biermann zur kritischen Berichterstattung über die Rechte Szene Prof. Dr. Frank Überall und PHK Ulrich Biermann, Foto: Hinse

Neben dem Polizei-Praktiker Biermann gaben die Journalisten Michael Klarmann und Frank Überall Tipps, wie sich das journalistische Arbeiten mit politischen Extremisten erlernen und vorbereiten lässt. Für Klarmann, Fotograf und freier Journalist aus dem Raum Aachen, gehört ein Schutzhelm seit Jahren bei der Arbeit über die rechtsextremistische Szene zur Eigensicherung. Bei Einsätzen mit Gegendemonstranten komme es oft zu brenzligen Situationen für Berichterstatter. Klarmann arbeitet seit Jahren unter einem Pseudonym, auch weil er alles vom Shitstorm bis hin zu Morddrohungen gegen sich erlebt hat. An dem Tagesseminar, das vom DJV-Landesverband NRW und vom Journalisten-Zentrum Haus Busch veranstaltet wurde, nahmen vor allem Lokaljournalisten aus allen Regionen des Landes teil.

Wie Rechte oft unterhalb der Grenze der Strafbarkeit provozieren und öffentliche Aufmerksamkeit suchen, schilderte auch Überall. "Das ist nicht wirklich schön." Die rechtspopulistischen Konzepte der Kölner "Pro-Bewegung" nutze ebenfalls das ganze Reperoire der Einschüchterung von Journalisten. Frank Überall, der auch für den WDR arbeitet, betonte, dass die Arbeit am Thema Rechtsextremismus ein Langzeit-Engagement des Journalisten voraussetze. "Dieser Job ist nicht vergnügungssteuerpflichtig." Einig waren sich die beiden Journalisten, dass diese Recherche in der rechten Szene von Redaktionen anständig bezahlt werden müsse. Überall: “Es ist kein Hobby.“

In der Diskussion erörterten die Teilnehmer, die Grenzen der aktuellen und der Hintergrund-Berichterstattung wie auch die Grenzen der Zusammenarbeit mit Polizei und Szene. Ihr Appell: Journalisten müssen zwischen den Fronten glaubwürdig bleiben und ansprechbar für alle Seiten bleiben. Dazu gehöre halt auch Vertrauens- und Quellenschutz. Biermann unterstrich, dass es kein Patentrezept für den Schutz von Attacken der Rechten gebe. Er empfahl den Teilnehmern, den regelmäßigen Kontakt zu Polizei und Staatsschutz zu pflegen. Sachlich, vertrauensvoll und verlässlich sollte der Draht sein. Und vor dem Großeinsatz sollten sich Journalisten stets rechtzeitig vorher mit der Polizei in Verbindung setzen. Dann komme es auch nicht zu Mißverständnissen während der Hektik von Einsätzen. Ein Problem sind Jugendpresseausweise, mit denen Rechte Zugang zu Journalisten vorbehaltenen Einsatz-Zonen suchen, auch um Journalisten beim Einsatz zu fotografieren und zu identifizieren. Pressesprecher Biermann sagte: "Dann stehen die auf einmal neben ihnen - und sind auch Journalisten."

Der Leiter von Haus Busch, Thomas Müller, dankte zusammen mit Silke Bender vom DJV-NRW den Referenten für die engagierten Beiträge, die den Journalisten Angst vor dem sperrigen Thema nehmen und das Wegschauen bekämpfen sollen. Damit die Redaktionen nicht auf dem rechten Auge blind werden.
(whi)

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